Waldwildnis – Entfichtungsaktion im Freyenter Wald

Mittlerweile ist die Entfichtung im Freyenter Wald für die Ehrenamtlichen des NABU Aachen schon zur Tradition geworden. Um der Aktion auch außerhalb des Vereins Gehör zu verschaffen, hat Julia Olbrich eine Pressemeldung dazu verfasst, die diese Woche an die lokale Presse verschickt wurde:

„Es ist ein sonniger Wintermorgen im Freyenter Wald südlich von Aachen-Lichtenbusch. Eine Schar Freiwilliger hat sich, mit Astscheren, Handsägen und Freischneidern bestückt, versammelt. Die meisten Spaziergänger sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Ihnen fällt nicht auf, dass viele der anwesenden Bäume hier gar nicht hingehören. Zumindest nicht von Natur aus. Auf diese haben es die Freiwilligen heute abgesehen.

Kurzer Rückblick: Vor sechs Jahren kaufte der NABU Stadtverband Aachen zusammen mit der Nordrhein-Westfalen Stiftung den Freyenter Wald. Das quadratische, 60 Hektar große Gebiet liegt direkt an der belgischen Grenze. Dr. Manfred Aletsee, Leiter der NABU-Naturschutzstation Aachen, weist die Gruppe in ihre Arbeit ein. Er ist der Hauptinitiator des Waldwildnis-Projekts im Freyenter Wald. „Die meisten Wälder in Deutschland werden wirtschaftlich genutzt, müssen sich also ‚rentieren‘. Nicht mehr so der Freyenter Wald. Hier darf sich der Wald frei entfalten, ein natürlicher Laubwald mit seiner standortcharakteristischen Artenvielfalt soll entstehen. Da das nicht immer der Fall gewesen ist, hilft der Mensch noch ein wenig nach“, so Aletsee.

Zu Beginn jeden Jahres findet deshalb eine „Entfichtungsaktion“ statt, bei der 15-20 Ehrenamtliche nichtheimische Arten wie Fichten und Douglasien entfernen, um so Platz für Eichen, Birken, Weiden, Eschen, Erlen usw. zu schaffen. Letztere sind sehr wichtig für eine gesunde, naturnahe Vegetation. Sie bilden einen vielfältigen Lebensraum für heimische Tierarten und sind zudem auch deutlich widerstandsfähiger gegenüber den immer heißeren Sommern und heftigeren Unwettern in Zeiten des Klimawandels.

Die Helfer kämpfen sich durch das Fichten-Dickicht. (Foto: Manfred Aletsee)

Manfred Aletsee kennt den Wald schon seit Jahrzehnten und erkannte, dass er sich aus verschiedenen Gründen als Waldwildnis-Projekt anbot. Zum einen hat der vorherige Besitzer, die belgische Gemeinde Raeren, tote Bäume nicht direkt abgeholzt, wie es sonst üblich ist. Stattdessen wurden sie stehen gelassen, bis sie von selbst umfielen und dann als Brennholz genutzt. Ein toter Baum steht meist noch ca. zehn Jahre. Er bietet Vögeln Bruthöhlen und in seiner absterbenden Rinde siedeln sich Insekten an. Außerdem dient das Totholz neuen Baumgenerationen als Nährboden, auf denen sie wachsen können. Dadurch weisen Teile des Freyenter Walds schon lange mehr Aspekte eines „Urwalds“ auf, als die meisten anderen Wälder in Aachen.

Zum anderen mussten sich die belgischen Förster auf dem deutschen Grenzgebiet mit deutschen Gesetzen rumplagen. So waren sie froh, den Wald beim NABU in guten Händen zu wissen und verkauften ihn 2019 für eine Million Euro. Den Großteil der Summe übernahm die NRW Stiftung, den anderen der NABU-Stadtverband Aachen.

Kurze Pause vom Entfichten, mit heißem Apfelsaft von Aachener Streuobstwiesen. (Foto: Ulrich Schwenk)

Bei den ehrenamtlichen Waldarbeitern steht eine Pause an. Als Stärkung gibt es Berliner und heißen Apfelpunsch von den Streuobstwiesen des NABUs. Manfred Aletsee zeigt auf der Karte die zehn Hektar Wald, die bisher entfichtet wurden.

Die Fichte stammt eigentlich aus Osteuropa, darunter auch Ostdeutschland. Sie wächst vergleichsweise schnell und gerade, zudem bildet sie als Nadelbaum bekanntlich keine starken Seitenäste aus. Für die Holznutzung ist das sehr praktisch, z.B. wurden die Fichtenstämme, das sogenannte „Grubenholz“, lange als Stützgerüst im Bergbau verwendet, oder werden heutzutage für Dachstühle genutzt. Die Douglasie dagegen kommt aus Nordamerika, ihr Holz ist noch haltbarer als das der Fichte und deshalb gut geeignet für den Außenbau.

Eine interessierte Spaziergängerin kommt mit ihrem Labrador vorbei. Manfred Aletsee begrüßt sie und führt sie an den Ort des Geschehens. Er zeigt ihr die entfichtete Lichtung und erklärt ihr den Grund für den kleinen, aber radikalen Eingriff. Waldbesucher sind weiterhin willkommen im Freyenter Wald, sind aber verpflichtet auf den Wegen zu bleiben und ihre Hunde an der Leine zu führen, um die Waldbewohner nicht zu stören. Dann deutet Manfred Aletsee auf die Entwässerungsgräben, die mit der Pflanzung der Fichten vor Jahrzehnten angelegt wurden, denn Fichten vertragen nur wenig Nässe. Die Gräben sollen in den nächsten Jahren verschlossen werden, um der zukünftigen Vegetation einen möglichst ursprünglichen Standort zu bieten und den Freyenter Wald wieder zu einem natürlichen Regenreservoir zu entwickeln. An den Wert von wilden Wäldern wie dem Freyenter Wald werden wir uns spätestens beim nächsten Hochwasser erinnern.“

Autorin: Julia Olbrich